Mein Mimimi

Heute mag ich ein bisschen Mimimi ablassen und ich mag es einfach runter schreiben, damit es weg ist.

Übrigens: Mit der Rechtschreibung hab ich die eine oder andere Schwierigkeit und manchmal ist das unangenehm. Dennoch…

 

Gestern war ein ganz blöder Tag. Mal wieder hat Gevatter Tod zugeschlagen, mal wieder bei den Kleinen, die nichts für die Umstände konnten, dass sie geboren worden.

Ich mache mir in solchen Momenten viele Gedanken, es ist ein bisschen ein Strudel oder vielleicht auch eine Spirale aus gefühlten Ungerechtigkeiten…

 

Ich finde es ungerecht, dass diese kleinen gestorben sind.

Das ist nicht fair.

Sie sind nicht gefragt worden, ob sie auf die Welt wollten, hatten keine Wahl weil ihre Mutter einfach nicht kastriert war.

Eigentlich ist es ganz einfach: Hast du eine Hauskatze, ist es deine Entscheidung, hast du einen Freigänger muss er kastriert werden.


Vor den Nordstadtkatzen war mir das nicht so klar, war mir einfach die Dimension nicht bewusst. Diese Schleife des Elends und des Todes ist so grausam.

Und, jetzt kommt einfach mal mein ganz ganz persönliches Mimimi, ich bin so müde, sterbende Katzenkinder auf dem Arm zu halten und in den Tod zu streicheln.

Kann das nicht jemand anders machen?

Jemand der damit professionell umgehen und Feierabend machen kann? Übergabe an eine Kollegin, zuhause noch zwei, drei Gedanken daran, dann Privatleben?


Ich habe den Tod in mein Haus eingelassen, wissend, dass er Dauergast werden wird.

Jede Ecke des Hauses kennt er.

Er kommt, wenn wir schlafen, wenn wir arbeiten, wenn wir Geburtstag von K3 feiern, abends, nachts, tagsüber, bei Regen, Sonnenschein, im Frührjahr, im Sommer, im Herbst und den Winter.

Er kommt ungefragt, manchmal kündigt er sich an und macht dann doch einen Umweg. Wenn ich dann denke, er hat sich unentschieden steht er auf einmal da und er geht dann nicht, bevor er bekommt, weswegen er gekommen ist.

Da ist er konsequent und verlässlich.


Natürlich versuche ich ihn zu empfangen und auf seinen Besuch vorbereitet zu sein, manchmal klappt das nicht.

Und so versuche ich, den kleinen noch etwas mitzugeben, ehe sie mitgehen…. Frieden, Würde, Liebe und irgendwie auch Sicherheit.

Als Jace damals so klein und zuckend bei mir in den Armen lag, der Blick schon ganz weit weg, komatös, abgemagert, voller Spuren von drei Wochen Transportkorbhaltung, fehlender Aufmerksamkeit und Pflege, da hab ich ihm gesagt, dass es ok ist, dass er mitgehen kann und darf.

Es ist ok und ihn erwartet nichts schlimmes.

Dann hab ich ihm gesagt, dass ich bei ihm bleibe, wenn er mag und ihn so weit bringe und begleite, wie es für mich geht…

Hier hat der Tod seinen Zeitplan geändert. Wie lieb.


Früher oder später kommt er wieder, zu jedem unserer Schützlinge.

Er kennt jeden Winkel dieses Hauses und ich weiß genau, an welcher Stelle er wen abgeholt hat.

An solchen Tagen ist es mühevoll und ich mag Feierabend machen und nach Hause gehen… In meinen ganz privaten Schutzraum, meinen inneren Kreis, wo ich sicher vor diesen Dingen bin und abschalten kann.


Aber, ach ja… geht nicht, denn ich hab es mir so ausgesucht.

Ich habe mir ausgesucht meinen Schutzraum zu teilen… Mit SozialMedia, mit Interessenten und Adoptanten, mit dem Tod.

Und manchmal bin ich auch verbittert und geben mich dem Selbstmitleid hin. Gestern und auch heute noch ein bisschen… Ab morgen wird es wieder besser, ich weiß das, aber dieses Ventil ist nun mal grade da und daher nutze ich das.

 

Sollte man, ja, grooooooße Verallgemeinerung, nicht meinen, dass eben dies auch etwas Wert ist? Diese Arbeit? Sollte es mir nicht auch ein gutes Gefühl in mir geben?

 

Stattdessen kommen andere Dinge hoch.

K2 und K3 hatten letzten Monat Geburtstag.

Der KV der beiden, mein Ex-Mann, zahlt keinen Unterhalt und wird es auch nie. 

Gekränkt von der Scheidung hat er zwar meine Rentenpunkte gerne angenommen, im gleichen Atemzug mir aber auch erklärt, dass er mir kein Geld in den … Hintern schieben wird, nie. Er würde eh nie einen Job bekommen, der dafür reichen würde, daher sucht er auch nicht.


Unterhaltsvorschuss bekomme ich für die zwei nicht, daher darf der Ex-Mann zwar den Kinderfreibetrag mit mir teilen auf seine halbe Schwarzarbeit, stellt mich aber immer und immer wieder vor Probleme:

„Mama, kann ich meinen Geburtstag in der Tanzschule feiern?“

In meinem Kopf rechne ich durch… Grundgebühr für 90 Minuten, plus Getränke… Aber dann kann der Geburtstag nicht vorbei sein, das ist für das K (verständlicherweise) etwas zu wenig.
Aber nach Hause klappt auch nicht, da sind ja die ganzen Tiere…

Also, was ist sonst noch möglich? Hmmmmm.


„Ist schon ok Mama“ und mir blutet das Herz und ich möchte heulen.

So viel Verständnis von dem K… ich mache und tue den ganzen Tag, versuche Gutes zu tun und bekomme noch nicht mal hin, meinen Kindern eine Geburtstagsfeier zu ermöglichen, wo sie so so soooo sehr zurückstecken hier in unserem Alltag mit den ganzen Schützlingen? Ich bekomme es nicht mal hin, sie genau das alles mal für ein paar Stunden vergessen und einfach unbeschwert im Mittelpunkt stehen zu lassen? Toll!

 

Ab spätestens dem 9. Des Monats sind bei mir die Zahlen des Kontos rot.

Ich hasse es.

„Mama, können wir heute mal richtig einkaufen?“

Damit ist das ständige umrechnen und nach der günstigeren Nudelsorte schauen gemeint, ganz Klischee…


Meine Ks haben Wünsche und ich auch.

Ich möchte mir mal neue Schuhe kaufen. Meine sind dreckig, abgelaufen, von unten kommt das Wasser rein.

Ich möchte mal nicht die billigste 9€Hose kaufen.

Ich möchte mal durchatmen und nicht ständig Sorge haben, diesem Leben nicht gerecht zu werden.


Und mich nervt nervt nervt es, dass ich deswegen mitleidige Blicke bekomme..
„Was? Kein PayTV?“ Von was denn?

„ Was? Ihr fahrt nicht in den Urlaub? Ach, Corona…“ Nein, Blödmann, auch vor Corona konnten wir uns einfach schlichtweg  keinen Urlaub leisten! Es geht einfach nicht.

„Möbel gebraucht? Das wäre nichts für mich.“ Ja Mensch, ich hätte es auch lieber anders.


Ich habe es satt, ständig zu improvisieren, ständig halbherzige Dinge mir zu überlegen, die am Ende irgendwie bestimmt klappen aber wo es verdammt viel Zeit, Energie und Reserven kostet, für etwas, was blöd ist. 

Oder meint ihr, ich habe OSB-Platten so furchtbar gerne?


Oder blöde Gumminoppenmatten im Wohnzimmer? Bitte? Wer will schon diese blöden Dinger… Trotz dieser Matten ist Pipi drunter gelaufen, das Parkett ist schwarz und vollgesaugt und ich weiß, wenn ich die wegnehme, stehe ich genau wieder an dem Punkt: Neu machen geht nicht, also improvisieren…. 


Dabei steht noch so viel an… Das Dachfester in einem der Kinderzimmer hat sich so verzogen, es muss ausgetauscht werden. Nach 30 Jahren kein Wunder, es ist aus Holz, aber das bekomme ich nicht hin… dafür brauch ich nen Dachdecker und ein neues Fenster…. Aber wovon? Also bin ich mal wieder peinlich berührt, wenn das K von dem Fenster erzählt und es tut mir so leid für das K.

Diese mitleidigen Blicke… vielleicht sind sie nicht da und ich denke sie mir nur, aber dann mag ich den gut verdienenden Menschen bei mir auf der Arbeit manchmal, eben an solchen Tagen, auch ins Gesicht sagen: „Das ist normal!“


Es ist normal, dass nicht jeder Mensch sich kaufen kann, was er mag. 

Es ist normal, dass sich Familien keinen Urlaub leisten können. 

Es ist normal, dass Menschen an der Kasse bangen, ob das Geld für den Einkauf reicht. 

Es ist normal, dass Menschen keine lackierten Fingernägel haben. 

Es ist normal, dass Familien nicht Theaterkarten bezahlen können… Es ist normal! Ganz normal! 


Es geht so vielen Menschen so, nur wenige sprechen darüber. 

In der Hinsicht bin ich kein Freak, aber ich komme mir so vor. Beweine meine Ks und dass ich ihnen nur so wenig bieten kann… 

Keine Kulturveranstaltungen, keine Reisen, keine großen Weihnachtsgeschenke, denn ich hab unbezahlten Urlaub genommen, um die Schützlinge hier zu versorgen…ach egal….

 

Aber mal ehrlich, wäre das nicht ein bisschen gerechter? 

Ich meine, ich tue niemandem bewusst oder wissentlich weh, ich bin bemüht engagiert zu sein, die Menschen in meinem Leben zu sehen, wahrzunehmen und alle, egal ob groß oder klein mit Würde, mit Achtung und mit Respekt zu behandeln, zu unterstützen, wenn es gewollt ist, zu lächeln, fair zu sein, hinzunehmen und zu akzeptieren….

Wäre da nicht so ein wenig mehr drinnen?

N bisschen?


Wäre es nicht ein bisschen ausgleichender, zu dem ganzen Mist, den ganzen Nordsternchen?


Ich schiebe so viel auf, so viele Wünsche, so viele Pläne… DieHälfte meines Lebens ist vorbei, ganz realistisch gesehen.

Ich hab so einen guten Abschluss, würde gerne studieren, stattdessen hab ich meinen ersten Mann geheiratet.

Letztes Jahr dann die Bemühungen um ein Stipendium, Absage…

Es gibt doch nur dieses eine einzige Leben… Ich bekomme kein zweites… Es geht nur jetzt, nicht später und jetzt kommt der Tod hier herein und nimmt die zwei kleinen mit… das ist doch Mist.

 

Und mitten im diesem Gesuhle kommt eine DM, eine liebe, eine unterstützende… eine, in der ich mich gesehen fühle mit dem was ich tue…

Vielleicht auch, wer ich bin oder oder mit dem, was ich lebe.

 

Und dann komme ich wieder runter…

 

Unten angekommen haben sich die Umstände oder die Farbe der zahlen nicht geändert, ich kann aber wieder besser damit umgehen.

Und ich kann wieder sehen, was ich alles habe, was ich alles bekomme.

 

Ich bin privilegiert in meinem Land und mit meinen Lebensumständen.

Ich habe eine wunderbare Familie.

Ich habe Unterstützung.

Ich bin in der Lage, hier etwas zu verändern.

Ich habe die Sichtweise auf mein Leben in meiner Hand.

 

Ja, das letzt ist für mich ein ganz wichtiger Punkt.

 

Ich kann einiges schaffen, ich kann einiges hinbekommen, ich kann…

 

Und egal, wieviel ich mache oder nicht, es ist genug….

Das allerdings, wird meine Aufgabe noch viele Jahre wahrscheinlich sein, genau das zu fühlen.

  • Ich bin genug-

 

So einfache Worte, so schwer für mich zu fühlen.

 

Jetzt beim Schreiben rücke ich mich grade wieder in meine Sichtweise zurecht… aus der war ich verrückt…

 

Ich danke euch allen, die ihr die Nordstadtkatzen so unterstützt.

Ich danke euch für eure Anteilnahme, für Briefe, grüne Herzchen, für Spenden und Taten.

Danke, dass ihr da seid.

 

Einfach nur Danke!

 

So, nun bin ich wieder in der Spur, bitte nichts für ungut.

 

Just Me

L.