Gedankensturm

Triggerwarnung vorab:

Depressionen, Missbrauch

 

Dieser Eintrag ist ganz persönlich und hat nichts mit dem Ehrenamt zu tun.

Menschen, mit denen ich oder sie mit mir beruflich mehr oder weniger zu tun habe, lesen diesen Eintrag bitte nicht.

 

Mir geht es nicht gut.

Seit ein paar Tagen schreibe ich diesen ganz ganz langen Text in meinem Kopf.

Nur ein Bruchteil dessen kann sich hier wiederfinden, viel zu schnell sind meine Gedanken, Verknüpfungen, als dass sie jemals aufgeschrieben werden könnten.

Ein Satz hier bedeuten 50 weitere in meinem Kopf, so schnell geht’s.

Von :“Ich muss die Spülmaschine ausräumen“ komme ich im Nanosekundenbereich zu Geld, Kindererziehung, Arbeit, Vergangenheit… Geht es jemandem genau so? Kennt das jemand?

 

Oft versuche ich, vertrauten Menschen zu erklären, dass sich ein nach außen vielleicht abrupt wirkender Themenwechsel in meinem Kopf total logisch zusammenfügt.

Bei einigen wenigen brauche ich das nicht mehr zu erklären, sie verstehen, dass das in meinem Kopf ist und fassen es nicht als Desinteresse an sich oder dem Thema auf, verstehen, dass mein Kopf einfach ganz ganz schnell ist.

 

Seit dem Kindergarten habe ich in mir Gefühle, die dafür sorgen, dass ich mich nicht frei fühle. Es gibt ganz ganz ganz ganz wenige Moment in meinem Leben, in denen ich mich unbeschwert fühle.

Ich kann sie an einer Hand abzählen, so wertvoll sind sie.

Sie sind meine Hoffnung, meine Sehnsucht auf mehr, ein Fixstern quasi, der mich dazu bringt, ich und meine Gefühle zu verändern, danach zu streben, diese Gefühle öfter zu spüren.

 

Meine erste bewusste Erinnerung habe ich mit etwa 14 Monaten,

Ich weiß es so genau, weil es davon ein Foto gibt, von der Situation, an die ich mich erinnere.

Es ist eine teils ganz klare Erinnerung, dann wieder verschwommen.

Ich stehe im Garten meiner Großeltern, weiß genau, was ich anhatte: Ein Kleidchen, eine weiße grob gerippte Strumpfhose und eine Windel.

Ich gehe in das selbstgebaute Spielhaus, mache die Tür zu und mache Pipi in die Windel, leicht in der Hocke. 

Dann folgt etwas unklareres.

Etwas, was nicht schön ist.

Eine unklare Erinnerung an ungewollte Berührungen.

Ich schaue in das Gesicht eines Familienmitglieds, eine Berührung, der Satz: „Das ist aber nicht gut, Tinker, das ist ja ganz feucht“, dann die Hand an seine Nase, ein intensiver Blick auf seine Hand.

Etwas später sehe ich mich mit ihm aus dem Spielhaus rauskommen.

Dort stehen ein paar Frauen der Familie, eine mit so einer Küchenschürze, wie sie in der Generation üblich war. Die Farbe ist für mich undefinierbar… Nicht blau, nicht lila, irgendwas dazwischen. Sie hat die Arme verschränkt, die Schultern sind leicht hochgezogen, sie unterhält sich. 

Eine braune Hornbrille trägt sie auf dem faltigen Gesicht.

Zu ihr hab ich ein besonderes Verhältnis. Das dachte ich zumindest in meiner Kindheit und meiner Jugend.

Ich glaube, sachlich war meine Kindheit echt ok, es gab vieles, was wohl gut war.

Aber gut gefühlt hab ich mich nicht.

Und das ist meine Wahrheit.

Nur meine, das ist wichtig, wichtig für mich.

Immer wieder hörte ich: „Du hast doch alles, was willst du denn noch?“ oder „Warum beschwerst du nicht, du hast mehr, als andere“.

Erst sehr sehr viel später habe ich das für mich verstanden, worum es mir dabei ging und wie hilflos sich mein Umfeld gefühlt haben musste.

Sachlich hatte ich „genug“, trotzdem hatte ich Hunger und Durst, obwohl Essen da war, trotzdem hatte ich den Wunsch, nach Veränderung, nach dem Paradis, nach Sicherheit und so vielem mehr.

Diese Bedürfnisse konnten nicht gestillt werden, so fühlte ich Mangel.

Dieser Mangel an Urvertrauen oder an Schutz hat bis heute Folgen. Mehrfach war ich in Situationen, in denen ich keine Kontrolle darüber hatte, was mit mir geschieht, mit meinem Körper und mit meiner Seele.

Früh war ich „anders“, Außenseiterin.

Als Kleinkind hatte ich immer immer immer wieder Blasenentzündungen.

Ständig. 

Zunächst dachten die Ärzte, meine Eltern würden mich einfach nicht richtig erziehen.

Blasenentzündungen können aber auch einen anderen Grund haben.

Es folgten jahrelange, sehr schmerzhafte, sehr erniedrigende Untersuchungen. Das kam noch on Top oben drauf. Es folgte eine OP, die Niere nahm Schaden.

Körperlich besser.

 

Anders blieb ich.

 

Weitere Übergriffe kamen.

Im Zeltlager, zu dem ich eingeladen wurde von jemandem, dem ich mich gerne angeschlossen hätte, geehrt hab ich mich gefühlt, eine Hoffnung endlich irgendwo dazuzugehören.

Diese Clique, die coolen und ich durfte dabei sein.

Man, ich war soooo unsicher und hab mich gefreut!

Es stellte sich dann dort heraus, die Einladung war eigenmächtig von jemandem, der in einer ähnlichen Situation war, wie ich.

Ich hatte dort keinen Platz zum Schlafen, niemand wollte ich in dem Zelt mitschlafen lassen.

Handys gab es nicht, ich war nicht in der Lage, meine Eltern anzurufen oder die 15km nach Hause zu gehen…

Aber auf dem Nebenplatz sprach mich dann ein älterer Junge an, bestimmt schon 16 oder 17 Jahre alt, ich könne bei ihm und seinem Freund schlafen.

 

Es folgte Missbrauch.

Mir war kalt, ich wollte duschen, es tat weh.

 

Erzählt hab ich es irgendwann mal meinem ersten Mann, die nächste Situation auch.

Da war ich 18, übernachtete bei einem Studenten, heute ist er Anwalt im Nachbarlandkreis und in einer großen Partei. Man kann ihn wählen.

Aus der Situation ging ich mit deutlichen körperlichen Blessuren, seelisch ist einiges geblieben.

Die Situation hatte Parallelen. Eine mir verschlossene Welt zu der ich dazugehören wollte, weil ich mir selbst nicht genug war.

Vielleicht, weil ich in mir immer dieses blöde Gefühl hatte, in mir, mit mir…. Es hat sich gezogen, ist auch heute noch präsent.

 

Mein erster Mann hatte einen besten Freund, der mich lange gut fand.

Dieser war oft bei uns zuhause.

Er erzählte, er habe mich geküsst, als ich schlief.

Mein damaliger Mann sagte: „Und? Ist doch nur er und er mag dich“.

Ich erklärte, dass ich das nicht will, ihn nicht und überhaupt! Ich will nicht geküsst werden und davon nichts mitbekommen.

Er hat es nicht verstanden.

 

Seine Lordschaft und ich hatten grade in den ersten Jahren einiges aufzuarbeiten.

In intimen Situationen verlor ich plötzlich mein Gefühl zu mir, wurde panisch und gleichzeitig unfähig mich zu bewegen oder zu äußern. Es war jedes Mal ein qualvolles sterben.

Im Laufe der Zeit lernte ich, ihm ein Zeichen zu geben… sofortiger Abbruch, Embryohaltung, scheiße.

Wenn gar nicht mehr ging, trug er mich unter die Dusche.

Meine Notfallstrategie… Abwaschen, alles abwaschen… Wasser, über den Kopf, über beide Ohren, heiß…

Danach konnte ich ihn nicht anschauen, nicht ansehen, so sehr habe ich mich geschämt.

Auch heute habe ich noch damit Probleme, manchmal.

Wir sind inzwischen eingespielt, können reden, sprechen, einander fühlen.

Es ist ok.

 

Aus diesen und vielen vielen weiteren Situationen, Erlebnissen ist eine hochfunktionale Depression geblieben. Ich bekomme mein Leben hin, die Phasen, in denen ich gar nicht mehr kann, nur noch liege und selbst das Augenöffnen zu schwer erscheint sind selten.

Ich ziehe mich eher in meinen Kopf zurück, in quälende Gedanken und meine eigene kleine Hölle. Verliere mich in meine Gefühle von Nutzlosigkeit, Schwere, eben das, was vertzraut ist.

Kohärenz…. Viel einfacher für das Gehirn.

 

Kognitiv weiß ich viel über meine Depressionen, hab sie verstanden, kenne die Wege, die ich gehen muss, sollte oder was auch immer… Aber es ist das Gefühl, das sich bei mir manchmal noch zu schwer lenken lässt.

Ich will mich so nicht fühlen, tue es aber.

Gefühle zu lenken ist für mich viel viel schwerer.

Ich weiß ich sollte mich hierzu oder dazu aufraffen, schaffe es aber nicht.

Ich weiß, ich sollte meine Ziel im Moment viel kleiner stecken, aber ich kann es nicht fühlen.

Ich weiß so viel, immerhin habe ich schon fast 40 Jahre Depressionen und ich erahne, dass sie wahrscheinlich nie ganz verschwinden werden.

 

Inzwischen hab ich manchmal Momente, in denen meine Gefühle nicht in meiner eigenen Hölle schmoren, die sind gut.

Ey, ich hab das so lange geübt, dieses „in der eigenen Hölle sein“, ich bin darin Expertin. Also echt.

Das ist ja mein Normalzustand.

Alles andere übe ich tapfer, immer und immer wieder und versuche, dass etwas anderes in mir normal wird.